Sehr geehrter Herr W...,

nachfolgend sende ich Ihnen eine fachliche Stellungnahme zum Arztbrief des Krankenhauses für Psychiatrie und Neurologie Winnenden vom 15.08.98.

Stellungnahme

Herr W. lebt seit seiner Geburt bei der Großmutter. Im Alter von 15 Jahren kommt er wegen Verhaltensauffälligkeiten in eine Universitätsklinik, danach für kurze Zeit in eine Pflegefamilie, kurz in ein Heim und wieder zurück zur Großmutter. Im August 1997, Herr W. ist 20 Jahre alt, zerbricht die Beziehung zu seiner Freundin. Mit Tabletten und Alkohol verswucht er sich das Leben zu nehmen. Einen Monat später bricht er die Schule ab. Zwei Monate darauf wird er eine Woche lang in einer psychiatrischen Klinik behandelt und nach weiteren vier Monaten, am 01.03.98, in das Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Winnenden eingewiesen. Aufnahmeanlass sind aggressive Verhaltensweisen gegenüber der Großmutter, wozu Herr W. angibt, dass diese ihn so aufgeregt habe, dass er „ausgerastet“ sei. Das sind die anamnestischen Daten, Daten zur Lebens- und Krankengeschichte, die das Krankenhaus von seinem Patienten erhebt.

In der Krankenakte wird am 09.03.98 ein Telefonat mit der Großmutter des Herrn W. vermerkt: Frau W. gab an, dass es vor 8 Monaten angefangen habe [Anm.: August 97, die Zeit der Beziehungskrise], er sei sehr bösartig geworden. Sie habe Angst vor ihm und so könne er nicht mehr bei ihr leben. Sie lebten zusammen in einer 3-Zimmer-Wohnung, er benütze dabei das Kinderzimmer. Sie kenne die Zustände in denen sich ihr Enkel gerade befinde, seine Mutter, also ihre Tochter, sei auch schon in psychiatrischer Behandlung gewesen. Sie wisse, dass Herr W. eine Psychose habe und er müsse nun zwangsmediziniert werden. Das wisse sie aus Zeitungen wie Hör Zu, da stehe alles genau drin. Mit 15 Jahren sei er einmal in Tübingen in der Klinik gewesen, auch wegen einer Psychose. Dort habe man ihn jedoch nicht behandelt. Von diesen fremdanamnestischen Angaben der Großmutter werden lediglich zwei Aussagen in den Arztbrief übernommen: Die Großmutter gab an, dass es bei ihrem Enkel immer wieder zu aggressiven Verhaltensweisen gekommen sei, im Rahmen derer er Möbel zerschlagen habe. Und: Die Mutter des Patienten ist nach Angaben der Großmutter an einer schizophrenen Psychose erkrankt.

Es ist wissenschaftlich unzulässig, bei der Erhebung fremdanamnestischer Angaben, diejenigen Angaben wegzulassen, die die Einstellung der befragten Person gegenüber dem Patienten wiedergeben.

Die Ärzte beobachten bei Herrn W., und halten dies als psychischen Befund fest, eine Tendenz zum Grübeln, einen Interesseverlust und Freudlosigkeit, verbunden mit einer generalisierten Hoffnungslosigkeit. Sie beobachten, dass der Patient sich psychomotorisch ruhig verhält, aber im direkten sowie telefonischen Kontakt zur Mutter bzw. Großmutter schnell aufbrausend, laut und verbal aggressiv wird. Psychopathologisch, also krankhaft im Sinne eines abnormen Erlebens, Befindens und Verhaltens, seien bei Herrn W. :

-     Eine Instabilität im affektiven Bereich mit einer ausgeprägten Reizbarkeit und verbalen Wutausbrüchen gegenüber seiner Großmutter und Mutter;

 

-     dass er leicht kränkbar sei;

 

-     eine deutliche Selbstwertproblematik, verbunden mit einer Unsicherheit im Hinblick auf das Selbstbild, langfristige Ziele sowie persönliche Wertvorstellungen;

 

-     dass die Konfliktverarbeitung vorwiegend projektiv erfolge, das heißt er dazu neige, die Ursache für seine Probleme ausschließlich in seinen Bezugspersonen zu sehen.

Aus all dem ergibt sich für das Krankenhaus die Diagnose einer instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus, wobei die Symptomatik natürlich auch Ausdruck eines Prodromalstadiums einer psychiotischen Erkrankung sein könnte, für die bisher allerdings keine eindeutigen Anhaltspunkte vorliegen. Demnach wäre die Symptomatik eines Prodromalstadiums einer schizophrenen Psychose identisch oder zumindest vergleichbar mit der Symptomatik einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Der wissenschaftliche Standard hierzu ist: Die Symptome einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sind spezifische und lassen in ihrer Gesamtheit nur diese eine psychiatrische Diagnose zu. Die Symptome der Prodromalphase einer schizophrenen Erkrankung begründen keine psychiatrische Diagnose. Sie beschreiben das Verhalten und psychische Erleben eines Menschen, der aus den verschiedensten Gründen in eine zwischenmenschliche Isolation geraten ist, wasd zum Beispiel auch bei einer schizophrenen Erkrankung der Fall ist. Wie gänzlich verschieden diese beiden Symptogruppen voneinander sind, ist für jeden Laien ersichtlich, weshalb ich sie aus dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM) übertragen und als Anlage beigefügt habe. Die Aussage, dass Symptome, die das Vorliegen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung begründen, natürlich auch Symptome eines Prodromalstadiums einer schizophrenen Erkrankung sein könnten, ist nicht nur falsch, sie ist blödsinnig. Ohne jeglichen Bezug zu den wissenschaftlich definierten Kriterien, ist sie Beleg für eine rein willkürlich vorgenommene Diagnostik.

In der Beschreibung des Verhaltens und psychischen Erlebens von Herrn W. tauchen im Arztbrief Begriffe auf, die auch in der wissenschaftlichen Beschreibung der Borderline-Persönlichkeitsstörung vorkommen. Diese Begriffe sind: Reizbarkeit, Wutausbrüche und eine Unsicherheit hinsichtlich des Selbstbildes, langfristiger Ziele und persönlicher Wertvorstellungen. Andere im Arztbrief beschriebenen Erlebnisweisen haben mit der gestellten Diagnose nichts zu tun, während die für diese Störung entscheidenden Kriterien nicht genannt sind. Für die Reizbarkeit, die Wut oder die Unsicherheit von Menschen gibt es tausend Gründe. Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist dieses Verhalten und Erleben Ausdruck einer durchgehenden Instabilität des Betroffenen hinsichtlich seines Selbstbildes, seiner Stimmungen und seiner emotionalen Reaktionen auf die Umwelt. Die Reizbarkeit, die Wut und die Unsicherheiten des Herrn W. hingegen, waren bezogen auf die ihm entgegenbrachten Einstellungen und Handlungen seiner Angehörigen und die abgebrochene Schullaufbahn: Die von einem Psychiater verwendeten Begriffe zur Beschreibung psychischen Verhaltens und Erlebens eines Menschen, begründen keine psychiatrische Diagnose.

In einer wissenschaftlich arbeitenden Psychiatrie hätte man mit Herrn W., sofern er dies gewollt hätte, die psychische Problematik, die mit dem Verlust einer Beziehung aufgebrochen war, aufgearbeitet. Eine unwissenschaftliche Psychiatrie muss die Menschen in die Willkür ihrer Behandlung zwingen.


Anlage

 Kriterien für die Prodromal- oder Residualphase einer Schizophrenie:

(1)    Ausgeprägte soziale Isolierung oder Zurückgezogenheit;

(2)    Ausgeprägte Beeinträchtigung der Rollenerfüllung im Beruf, in der Ausbildung oder im Haushalt;

(3)    Ausgeprägt absonderliches Verhalten (z.B. das Sammeln von Abfällen, Selbstgespräche in der Öffentlichkeit oder Horten von Lebensmitteln);

(4)    Ausgeprägte Beeinträchtigung bzw. Vernachlässigung der persönlichen Hygiene und Körperpflege;

(5)    Abgestumpfter, verflachter oder inadäquater Affekt;

(6)    Abschweifende, vage, verstiegene, umständliche Sprache oder Verarmung der Sprache oder des Sprachinhalts;

(7)    Eigentümliche Vorstellungen oder magisches Denken, die das Verhalten beeinflussen und nicht mit kulturellen Normen übereinstimmen, z.B. Aberglaube, Hellseherei, Telepathie, „sechster Sinn“, „andere können meine Gefühle spüren“, überwertige Ideen, Beziehungsideen;

(8)    ungewöhnliche Wahrnehmungserlebnisse, z.B. wiederholte Illusionen, die Anwesenheit einer in der Realität nicht vorhandenen Kraft oder Person zu spüren (leibhaftige Bewusstheit);

(9)    erheblicher Mangel an Initiative, Interesse oder Energie.

 

Kriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung:

(1)    Ein Muster von instabilen, aber intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen, das sich durch einen Wechsel zwischen den beiden Extremen der Überidealisierung und Abwertung auszeichnet;

(2)    Impulsivität bei mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Aktivitäten, z.B. Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, Ladendiebstahl, rücksichtsloses Fahren und Fressanfälle;

(3)    Instabilität im affektiven Bereich, z.B. ausgeprägte Stimmungsänderungen von der Grundstimmung zu Depression, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Zustände gewöhnlich einige Stunden oder, in seltenen Fällen, länger als einige Tage andauern;

(4)    Übermäßige, starke Wut oder Unfähigkeit, die Wut zu kontrollieren, z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut oder Prügeleien;

(5)    Wiederholte Suiziddrohungen, -andeutungen oder –versuche oder andere selbstverstümmelnde Verhaltensweisen;

(6)    Ausgeprägte und andauernde Identitätsstörung, die sich in Form von Unsicherheit in mindestens zwei der folgenden Lebensbereiche manifestiert:
dem Selbstbild, der sexuellen Orientierung, den langfristigen Zielen oder Berufswünschen, in der Art der Freunde oder Partner oder in den persönlichen Wertvorstellungen;

(7)    Chronisches Gefühl der Leere oder Langeweile;

(8)    Verzweifeltes Bemühen, ein reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern.